Dagmar Leupold liest. Sylvia Schwab moderiert
20:00 Uhr (Einlass 19:00 Uhr)Die Toten sind nicht tot, am allerwenigsten in der Literatur. In Dagmar Leupolds neuem Roman „Die Helligkeit der Nacht“ spricht ein Toter. Es ist Heinrich von Kleist. Über die Jahrhunderte hinweg schickt er einer Frau luftige Briefe der Zuneigung oder macht geisterhafte Aufzeichnungen. Dabei entsteht ein Journal der Zuwendungen und Fragen, der Meditationen und Beobachtungen, kreisend um Themen der Literatur und Radikalität, der Geschichte und ihren Hoffnungen, der Unbedingtheit und ihrer Abgründe. Die Adressatin dieses geistvollen Gespensts ist Ulrike. Nicht Kleists geliebte Schwester, auch wenn sie Ähnlichkeiten mit ihr hat, sondern eine Schwester im Geiste, in der Haltung, in der Tragik, Ulrike Meinhof. Seine Begegnung mit Meinhof ist nicht weniger als ein Zusammenstoß, der Kurzschluss zweier Epochen.
Klug und poetisch, voller bohrender Fragen und wunderbaren Beobachtungen, sucht dieser Kleist – Leupolds Kleist, nicht einfach der historische – unsere und Ulrikes Nähe. Gelegentlich kommt Ulrike zu Wort, erfreut wie wir Leser über diesen ungewöhnlichen „Koalitionär“, der das Faktische, die Jahrhunderte, missachtet. Einen solchen Roman hat es noch nicht gegeben.

